Seit jeher genoss Berlin bei "ausländischen" Künstlern einen ganz besonders signifikanten Reiz, es als Exil zu wählen, um in ihm eine jeweils eigen gefärbte Poesie zu entwickeln, die auf je originelle Weise mit einer bestimmten Aura aus Mythologie gefärbt war. Projektionsfläche bot, wie auch geschichtlich brisantes Soziotop, in dem seit jeher sehr spezielle Lebensklimata herrschten und neuartige Diskurse und Ästhetiken sproßen.
War es in den seventies der Mauerstatus, der David Bowie lockte und ihm (in Ignoranz des brodelnden Punks) glamourös-verlorene cold-war-vibes lieferte, ist es nunmehr das vereinigte Metropolenfeeling unter dem historisch besonderen Status des Werdens, der Kontroverse, im standhaft sich behauptenden Berlinklima der Muße und des Schluffitums, einer hedonistisch behaupteten Renitenz (in Ignoranz des David Bowie).
The
Human Elephant, a.k.a. John E. Donald, stammt aus Chicago, verließ
nach einer wilden Jugend zwischen Hardcore und Streetfights seine US-amerikanische
Heimat, um als reisender Poet die Geschichte quasi umzukehren, indem er
nach Europa übersiedelte und hier seitdem so etwas wie eine Kultur
sucht, die seinem feinen Geist und Interesse für Geschichte, kulturelle
Transfers und Zusammenhänge, Buddhismus, esoterische Wissenschaften,
vor allem aber bestimmte europäische Kulturtraditionen, gerechter wird,
als eine US-Umwelt, deren Gestalt seiner grundtiefen und melancholischen
Natur unsympathisch und eng geworden war.
Wie es tiefen und melancholischen Naturen eignet, setzt sich unter den bekannten
Gesetzen ein grundsätzliches Gefühl der Fremdheit und Idiosynkrasie,
der Trauer und Mühsal fort, und reise man zur Südsee. Gauguin
bestätigt die Regel.
Nun erlaubt uns dieser einzigartige Künstler, twentysomething und Außenseiter von Geburt, in Form seines Songwritings, seiner im tiefen Bass intonierten, zwischen gotischer
Beschwörung
und cohenesker, William Carlos Williams gemahnender, wundervoll understatement-sparsamer
Melodie, die vor "männlicher" Schönheit und erotischer
intimacy das Herz des Zuhörers bannt und gleichermassen schaukelt,
einen poetischen Kosmos zu betreten, dessen freischwebende Dunkelheit wie
geheimen U-Bahntunnelabzweigungen entstiegen scheint. Er spricht zu uns
aus tiefster Seele und besingt mit Vorliebe westliche Liebe unter diesen
erschwerten Bedingungen, großstadtpoetische, schicksalshafte Beziehungsdramen,
Sehnsucht und Trauer.
Da konnte man The Human Elephant Anfang des Jahrtausends in kleinen illegalen
Löchern in Berlin-Mitte kennenlernen, gebeugten, ringenden Hauptes
über der besessen bedroschenen nylon-sixstring.
Wut-Trauer. Trauer-Wut und zuviel Wut sucht guten Mut in Verstärkung.
So kam es, daß zunächst eine zum Ausgleich quasi-dadaistische, in guter Punkrocktradition Entfremdung und Regression kultivierende Anti-Kapelle ("i wanna be a terrorist", bald als 7" unter The Human Elephant) namens Spastika gegründet wurde, in der Freundin Suska Lovestar (ex-Puma) Kindertröten blies und E-Bässe mit Schlagzeugstöcken malträtierte. Unter der Ägide des manischen Konzeptkonzertveranstalters und Szenegurus Ran Huber (amSTARt) wurde eine ironische lokale Blitzkriegkarriere lanciert, in deren Verlauf die Publika polarisiert werden konnten in die Parteien Entrüstung ("das kann mein kleiner 3-jähriger auch, ich will mein Geld zurück") versus sympathisierender Anerkennung ("ja, gut")
Darauf folgten längere Aufenthalte in der Heimat Chicago. Geldverdienen, Familie, aber auch Rückbesinnung auf die eigene Stimme: hier wurden Aufnahmen gemacht im Wohnzimmer eines Freundes, die zurück in Berlin von Bernd Jestram (Tarwater) überarbeitet wurden und als CD erhältlich sind. Dann tauchte ein junger Mann mit Laptop auf und es entstand das Projekt like plankton for the elephant, das man jüngst an verschiedenen Orten bestaunen konnte und auf CD erschien auf dem Label digital kranky "Ticket" (dk20). In monotone beats und hypnotische Elektronika eingebettet,
trägt John seine dunkle Psychologie an neue Grenzen, malt klaustrophobe Szenerien aus Sprach-, Beziehungs- und Geschichtslosigkeit.
Parallel existiert eine neue Band, die Koschkas, die den Begründerinnen der ehemaligen allerallerbezauberndsten Band Puma, den Schwestern Suska und Koschka aus Prenzlauer Berg, ein neues Format schenkt, ihre wunderschöne, sehr kongenial spezielle Poesie weiterzuentwickeln, mit John am Bass, Rücken zum Publikum, und einem herrlich nervösen, allercharmantesten Jungen am Schlagzeug: diese Band ist wie eine kleine sexuelle Revolution.
Doch wie schon gesagt hat es die Umtriebigkeit des John E. Donald nie vereitelt, das dauernde Leben des Human Elephant zu behaupten. Der Human Elephant hat es stets verstanden, seine Stimme zu heben, seine Poesie zu entwickeln, der Human Elephant war immer ein recording angel, eine one-man-Fabrik der Bewältigung, der in Melodie getauchten Lebenserzählung des John E. Donald. Als Homerecording entstand der sinistre Song "Toilet Suite", unzählige Kassetten dokumentieren eine permanente Auseinandersetzung und Verarbeitung eines Lebens in Ruinen.
Jedoch sehen wir
den beliebten Mann heute nicht mehr im Gewand des authentischen Mississippi-Delta-Akustikgitarrenberserkers,
der selbszerfleischerisch skulptural verschmilzt im Kampf gegen das Holz
der Gitarre, das Holz in den Köpfen einer emotional verkrüppelten
Welt, wir begrüßen The Human Elephant nun in guter Tradition:
electrified + wütend! Mit Jan Kucharski (The Aim of Design is to define
Space) am Knüppelset und Freundin Suska am Keyboard, trägt ihn
seine E-Gitarre in heroischer Prägnanz auf die Bildfläche des
beliebten Pop und Rock und er verkündet apodiktisch und unheilsvoll:
" The Human Elephant...The Human Elephant...I'm the Human Elephant...and
I'm looking for a partner...everybody's looking for a partner..."
(Februar 2005, Ulrich Sandermann)